Ratgeber · Grundlagen & Formel
Sparplan plus Zinseszins: Wie 200 Euro im Monat in 30 Jahren zu 200.000 werden
Wer nicht 10.000 Euro auf einen Schlag anlegen kann, kann das mit monatlichen Sparraten oft sogar besser. Die Kombination aus regelmäßiger Sparrate und Zinseszins ist mathematisch zwei verschiedene Formeln, die addiert werden. Dieser Ratgeber zeigt, wie sie zusammenspielen und welche Hebel den größten Effekt haben.
Die Standard-Zinseszins-Formel deckt den Fall der Einmal-Anlage ab: Du legst einen Betrag heute an, und er verzinst sich exponentiell. In der Realität sparen die meisten Menschen aber nicht so. Sie zahlen monatlich Beträge ein, oft per Dauerauftrag aus dem laufenden Einkommen. Diese Konstellation, die Kombination aus regelmäßiger Sparrate und Zinseszins, ergibt eine andere mathematische Formel und ein anderes finanzielles Ergebnis.
Die zweite Formel: Endwert einer regelmäßigen Sparrate
Für eine regelmäßige Zahlung von R pro Periode bei einem Zinssatz von i pro Periode über t Perioden gilt der Endwert einer nachschüssigen Rente:
A_Sparplan = R · ((1 + i)^t − 1) / i
Wobei nachschüssig bedeutet, dass die Sparrate am Ende der Periode eingezahlt wird. Vorschüssige Sparrate (am Periodenanfang) bekommt eine zusätzliche Periode Verzinsung und ist deshalb mathematisch leicht höher:
A_Sparplan_vor = R · ((1 + i)^t − 1) / i · (1 + i)
Die Differenz zwischen vorschüssig und nachschüssig ist der Faktor (1 + i). Bei 5 Prozent jährlich entspricht das einem Vorteil von 5 Prozent zugunsten der vorschüssigen Variante.
Kombination mit Einmal-Anlage
In der Praxis kombinieren viele Anleger eine Einmal-Anlage (etwa eine Abfindung, eine Erbschaft, ein Spar-Anfangskapital) mit einem laufenden Sparplan. Das Endkapital ist dann die Summe der beiden Terme:
A_gesamt = P · (1 + r)^t + R · ((1 + r)^t − 1) / r
(Vereinfacht für jährliche Verzinsung mit n=1.)
Beispiel: 5.000 Euro Einmal-Anlage plus 200 Euro monatliche Sparrate, 5 Prozent jährlich, 30 Jahre. Die Einmal-Anlage wird zu 5.000 · 1,05^30 = 21.610 Euro. Die Sparrate (vereinfacht jährlich gerechnet, 2.400 Euro pro Jahr) wird zu 2.400 · (1,05^30 − 1) / 0,05 = 159.452 Euro. Gesamtkapital: rund 181.000 Euro.
Was sich praktisch ändert mit der Sparrate
Schauen wir uns drei Szenarien an mit einer Sparrate von 200 Euro pro Monat über 30 Jahre, also einem Gesamt-Einzahlungsvolumen von 72.000 Euro:
| Zinssatz | Endkapital | Zinsertrag | Vermögensbildung pro 1 € Eigenanteil |
|---|---|---|---|
| 1 % | 83.875 € | 11.875 € | 1,16 € |
| 3 % | 116.547 € | 44.547 € | 1,62 € |
| 5 % | 166.452 € | 94.452 € | 2,31 € |
| 7 % | 244.692 € | 172.692 € | 3,40 € |
| 9 % | 366.768 € | 294.768 € | 5,09 € |
Bei 1 Prozent (Tagesgeld-Niveau in Niedrigzinsphasen) bekommst du für jeden gesparten Euro 1,16 Euro zurück. Bei 7 Prozent (durchschnittliche ETF-Rendite langfristig) sind es 3,40 Euro. Bei 9 Prozent (über Spitzenphasen) sogar 5,09 Euro. Die Zinsen wachsen also über-proportional zum Zinssatz, was den Zinseszins-Effekt bei langen Laufzeiten beeindruckend macht.
Vor- vs Nachschüssig: Der versteckte Hebel
Die meisten Sparplan-Banken ziehen die Sparrate zu einem festen Tag im Monat ab, oft am 1. oder am 15. Mathematisch entspricht das näher der vorschüssigen Variante (am Periodenanfang) als der nachschüssigen (am Periodenende).
Wichtiger als die Frage vor- oder nachschüssig ist allerdings die Frage, ob du wirklich gleichmäßig und ohne Unterbrechung einzahlst. Eine Pause von zwei Jahren in der Mitte der Sparphase kostet bei einem 30-Jahres-Sparplan mit 5 Prozent etwa 6.000 Euro Endkapital, also deutlich mehr als der gesamte Vor-Nach-Effekt.
Der Mythos von der Dynamik-Erhöhung
Viele Banken bieten Sparplänen eine “Dynamik” an, also eine jährliche prozentuale Erhöhung der Sparrate. Das ist mathematisch sinnvoll, weil die Lohnentwicklung über die Jahre auch ungefähr zwei bis drei Prozent jährlich steigt. Ein dynamischer Sparplan hält dein effektives Sparvolumen konstant, statt durch Inflation und Lohnsteigerungen langsam zu schrumpfen.
Beispielrechnung: 100 Euro Anfangs-Sparrate mit 3 Prozent jährlicher Dynamik über 30 Jahre. Die Sparrate steigt auf 100 × 1,03^30 = 243 Euro pro Monat im letzten Jahr. Über die Gesamtlaufzeit zahlst du nicht 36.000 Euro (wie bei konstanten 100 Euro), sondern etwa 56.500 Euro ein. Bei 5 Prozent Zinsen ergibt das ein Endkapital von etwa 132.000 Euro statt der 83.000 Euro bei konstanter Rate, also gut 60 Prozent mehr.
Die Frage ist nur, ob die Dynamik wirklich gelebt wird. Wer mit 100 Euro anfängt und nach 20 Jahren bei 180 Euro liegen würde, muss diese 180 Euro auch wirklich aus seinem dann größeren Einkommen entbehren können. Viele Sparer pausieren die Dynamik, sobald die Rate sich verdoppelt hat, was den theoretischen Vorteil schmälert.
Worauf es ankommt
Drei Hebel bestimmen das Endkapital eines Sparplans, in dieser Reihenfolge der Wichtigkeit:
Erstens, die Laufzeit. Sie wirkt exponentiell und ist nicht nachholbar. Wer mit 25 anfängt, hat einen massiven Vorteil gegenüber dem 35-Jährigen, selbst bei identischer Monatsrate und Zinssatz. Eine 40-jährige Sparphase liefert oft mehr als doppelt so viel Endkapital wie eine 25-jährige.
Zweitens, der Zinssatz. Bei kurzfristigem Geld auf Tagesgeld-Niveau (1 bis 3 Prozent) spielt der Zins eine kleinere Rolle. Bei langfristigem Geld in ETFs (durchschnittlich 6 bis 8 Prozent über lange Zeiträume) dominiert er die Endkapital-Höhe. Die Differenz zwischen Tagesgeld und ETF macht über 30 Jahre auf eine 200-Euro-Sparrate fast 100.000 Euro aus.
Drittens, die Sparrate selbst. Klar ist sie wichtig, aber sie ist auch der einzige Hebel, den du komplett selbst kontrollierst. Lohnerhöhungen direkt in die Sparrate stecken (Dynamik), statt sie ins laufende Konsumniveau zu integrieren, ist der praktisch wirkungsvollste Weg, das Endkapital zu hieven.
Die Verzinsungs-Frequenz, vor- vs nachschüssig und ähnliche Details sind dagegen Feintuning. Bei einem 30-Jahres-Sparplan machen sie zwei bis sieben Prozent Endkapital aus, was angesichts der größeren Stellschrauben überschaubar ist.
FAQ
Häufige Fragen
Lohnt sich ein Sparplan auch bei niedrigen Zinsen?
Ja, weil der Hauptbeitrag zum Endkapital aus den eingezahlten Sparraten kommt, nicht aus den Zinsen. Bei 200 Euro monatlich über 30 Jahre zahlst du selbst 72.000 Euro ein. Bei 5 Prozent Zinsen werden daraus 166.000 Euro, bei 3 Prozent immer noch 116.000 Euro, bei 1 Prozent 84.000 Euro. Selbst minimale Zinsen helfen, vor allem bei langen Laufzeiten.
Vor- oder nachschüssige Sparrate, was ist besser?
Vorschüssige Zahlung (am Periodenanfang) ist mathematisch besser, weil die Rate eine Periode länger mitverzinst. Bei einem 30-Jahres-Sparplan mit 5 Prozent macht der Unterschied etwa 4.150 Euro auf 72.000 Euro Sparvolumen aus, also rund 5,8 Prozent vom Endkapital. In der Praxis ziehen die meisten ETF-Sparpläne mittlere des Monats ab, was zwischen voll-vorschüssig und voll-nachschüssig liegt.
Wie sinnvoll sind Dynamik-Erhöhungen?
Sehr sinnvoll. Wenn du jährlich 3 Prozent mehr einzahlst (ungefähr auf Lohnerhöhungs-Niveau), wirkt das wie ein zusätzlicher Zinssatz. Aus einer Sparrate von 100 Euro werden über 30 Jahre 243 Euro pro Monat. Das Endkapital steigt bei 5 Prozent Verzinsung von 83.226 Euro auf 132.412 Euro, also rund 60 Prozent mehr ohne signifikante zusätzliche Selbst-Disziplin.
Welche Sparrate ist realistisch?
Faustformel der Verbraucherzentrale: 10 bis 15 Prozent des Netto-Einkommens, davon 5 bis 10 Prozent für die Altersvorsorge. Bei einem Netto-Einkommen von 2.500 Euro entspricht das einer Sparrate von 125 bis 250 Euro pro Monat. Wichtig ist die Konstanz: 100 Euro über 40 Jahre bringen mehr als 300 Euro über 15 Jahre.
Was passiert bei vorzeitiger Entnahme?
Bei reinen Spar-Verträgen ist eine vorzeitige Entnahme jederzeit möglich, ohne den Zinseszinseffekt für die Vergangenheit zu verlieren. Bei Festgeld werden bei vorzeitiger Auflösung meist Vorschuss-Zinsen einbehalten. Bei ETF-Sparplänen geht der zukünftige Zinseszinseffekt auf den entnommenen Betrag natürlich verloren, weil das Geld nicht mehr arbeitet. Pro 1.000 Euro vorzeitige Entnahme verlierst du bei 5 Prozent über 20 Jahre etwa 1.650 Euro Zinsertrag.
Quellen